Zeitzeugen in der Schule

Erstellt am: 12.06.2006

Aufstand 1953 in der DDR

Paul Grunwald berichtet über den Aufstand am 17. Juni 1953 in der DDR

Am 12. Juni 2006 hielt Paul Grunwald, der 1953 Praktikant am OWG war und 1966 für drei Monate als Vertretungslehrer am OWG arbeitete, als Zeitzeuge einen Vortrag vor dem Jahrgang MSS 11 über den Aufstand am 17. Juni 1953 in der DDR.


Zur Person des Zeitzeugen Paul Grunwald
Paul Grunwald wurde 1939 im damaligen Ostpreußen geboren. Seine Eltern, Großeltern und viele Verwandte von ihm kamen im Krieg um. Der Vertreibung aus Ostpreußen folgte ein Aufenthalt in Kinderheimen in Delitzsch bei Leipzig in der damaligen „sowjetisch besetzten Zone“, später DDR. Von 1952 bis 1957 wohnte er bei Pflegeeltern.1953 erhielt er einen Schulterdurchschuss beim Aufstand am 17.Juni. Seine Pflegeeltern erhielten daraufhin eine Ausreisegenehmigung in die BRD. 1957 kam Paul Grunwald durch Zufall nach Dahn, dem folgte eine Aufnahme im damaligen Jugendheim. Sein Abitur absolvierte er 1960 am altsprachlichen Gymnasium in Pirmasens und bald darauf begann er mit seinem Studium für das Lehramt an Gymnasien in Freiburg und Berlin. 1966 heiratete der angehende Lehrer die Dahnerin Helga Lambert und begann mit ihr ein Leben in Argentinien und Chile. Nach dem 15-jährigen Auslandsaufenthalt unterrichtete er an drei Pirmasenser Gymnasien.

Der 17. Juni 1953 in der DDR
Die Bauern waren über die Zwangskollektivierung verärgert, viele flohen in die Bundesrepublik, so dass Versorgungsengpässe bei Lebensmitteln entstanden. Die Bauarbeiter waren mit der zwanghaften Erhöhung ihrer Arbeitsleistungen (bei gleich bleibenden Löhnen) unzufrieden, so dass sie am 16. Juni 1953 hauptsächlich in Berlin auf den Straßen für bessere Arbeitsbedingungen protestierten. Am 17. Juni protestierten Arbeiter im gesamten Bereich der DDR; sie forderten Preissenkungen, freie und geheime Wahlen und Freilassung von politischen Gefangenen. Als sowjetische Panzer und Volkspolizei aufmarschierten und in die demonstrierenden Mengen schossen, flohen alle Demonstranten, der Aufstand war beendet. 267 Demonstranten, 116 Volkspolizisten und Funktionäre sowie 18 sowjetische Soldaten waren ums Leben gekommen. Unter den 1017 Verletzten gab es einen 13-jährigen Jungen aus Delitzsch bei Leipzig: Paul Grunwald.

Der junge Paul Grunwald lief mit Begeisterung an der Spitze eines Zuges von etwa 1000 Arbeitern mit, die gewaltsam politische Häftlinge aus dem Gefängnis befreien wollten. Steine zerschlugen Fensterscheiben, mit Holzbalken sollten Türen aufgebrochen werden, die das Gefängnis bewachenden Volkspolizisten schossen in die Menge. Der 13-jährige Junge spürte einen leichten Schlag an seiner rechten Schulter, schaute an sich herunter, sah sein Hemd voller Blut, sackte zusammen, wurde von Männern in den Schutz einer Mauer getragen und bekam fürchterliche Angst, als ein Mann sagte: „Ruft schnell den Krankenwagen, der Junge verblutet uns noch!“ Im Krankenhaus wurde seine Durchschusswunde versorgt.

Laut Paul Grunwald folgte eine der schönsten Phasen seines Lebens: Er galt seitdem in Delitzsch als „Held“, wildfremde Leute brachten ihm Geschenke. Sein Leben nahm eine entscheidende Wende, denn aufgrund des Ereignisses erhielten seine Pflegeeltern die zuvor verweigerte Genehmigung zur Ausreise in die BRD, allerdings unter der Bedingung, dass sie den auffallend „revolutionären“ 13-jährigen Paul Grunwald mitnahmen.

Dadurch konnte er das Gymnasium in Baden-Baden, später in Pirmasens besuchen, konnte studieren und den Lehrerberuf ausüben.

Paul Grunwalds Zeitzeugenbericht fand große Resonanz, da sein Vortrag kein starres Abspulen von geschichtlichen Fakten war, sondern mehr einer direkt aus dem Leben gegriffenen Abenteuergeschichte mit Herz glich, die zudem auf eine bescheidene und doch ergreifende Art erzählt wurde.

(Regina Grunwald)

OWG Dahn